Bensheim. Pluto kennt fast jeder. Immerhin geistert der Hund von Mickey Mouse durch etliche Zeichentrickfilme. Dass Pluto aber auch ein degradierter Planet ist, wissen erheblich weniger Zeitgenossen. Für sich genommen mag das zu verschmerzen sein. Die Weiten im Weltall sind eben unendlich.
Aber dass "ein zweistelliger Prozentsatz von Abiturienten behaupten, die Sonne dreht sich um die Erde", lässt sich mit dem Argument der akzeptablen Bildungslücke nicht mehr abtun. Christian Wolff heißt der Mann, der um die Wissenslücken deutscher Schulabgänger weiß.
Er ist Vorsitzender des Landesverbandes Hessen der Deutschen Gesellschaft für Schulastronomie und wohnt in Auerbach. In ein paar Wochen wird er den Vorsitz über den neu zu gründenden Bundesverband übernehmen. Wolff ist Hobby-Astronom und Lehrer für Geographie und Englisch am Schuldorf in Seeheim.
Vor zwei Jahren wurde er auf die Pro-Astro-Initiativen in Ostdeutschland aufmerksam, rief in Hessen die erste Initiative in Westdeutschland ins Leben - und blieb am Ball. Die Folge: Ein Vereinigungsprozess, der in den Bundesverband münden wird.
Bisher keine Interessenvertretung
"Für Schulastronome gibt es keine Interessenvertretung. Die braucht man aber, wenn man was erreichen will", so Wolff. Seine Gesellschaft hat hohe Ziele formuliert. Astronomie soll in allen Vorschulen, Schulen, Universitäten und sonstigen Bildungseinrichtungen als fester Bestandteil jeder Aus- und Weiterbildung verankert werden.
Auch wenn der Blick von Wolff und Kollegen zu den Sternen geht, sind sie auf dem Boden geblieben. "Wir sehen das schon realistisch. In Zeiten der G 8-Diskussion, wenn es um Entschlackung des Stundenplans geht, ein neues Fach vorschlagen, das ist nicht einfach", betont Wolff.
Deshalb hat sich der Verband vorerst einer Politik der kleinen Schritte verschrieben: Projekte anstoßen, Lehrer, die Arbeitsgemeinschaften leiten, beraten und Öffentlichkeitsarbeit betreiben, um Kooperationspartner aus Politik und Wirtschaft zu gewinnen.
Das Schuldorf Bergstraße dient dem Vorsitzenden dabei als Keimzelle seiner Ideen - die dort auf fruchtbaren Boden fallen. Dazu gehören die kürzlich erfolgreich veranstalteten Bergsträßer Weltraumtage, die nun jedes Jahr organisiert werden sollen. Außerdem will Wolff an der Schule ein astronomisches Zentrum einrichten.
Lehrer oft nicht ausgebildet
"Die Region eignet sich hervorragend für ein Projekte. In Darmstadt sitzt das European Space Operations Center, in Heidelberg leben und arbeiten viele bekannte Professoren", fasst der 32-Jährige zusammen. Für eine Kampagne konnte die Gesellschaft 114 Professoren gewinnen, die sich mit ihrer Unterschrift für ein Schulfach Astronomie einsetzen.
Luft nach oben scheint es jedenfalls zu geben, wenn es um die Wissensvermittlung in Sachen Himmelskörper geht. Die Lage sei katastrophal, in Hessen erfahren weniger als drei Prozent der Schüler eine Grundausbildung. "In Erdkunde wird in Klasse 5 das Sonnensystem durchgenommen, danach wird das Thema in Physik angeschnitten - wenn überhaupt", erklärt Christian Wolff.
Ein Problem ist die Ausbildung der Lehrer, die im Studium mit Astronomie kaum in Berührung kommen. Im Osten sieht das etwas anders aus. Dort ist es in den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachen noch ordentliches Unterrichtsfach - seit immerhin 50 Jahren.
Christian Wolff selbst hat seine Leidenschaft früh entdeckt. Als Jugendlicher besuchte er oft die Volkssternwarte, später gründete er an seiner Schule eine Astronomie-AG. Seit 2007 unterrichtet er am Schuldorf, leitet dort eine Astro-AG und wird dort an der Internationalen Schule demnächst eine zweite Gruppe ins Leben rufen. Sein Traum: Eine eigene Schulsternwarte. Doch die Kosten für die Optimallösung sind im sechsstelligen Bereich angesiedelt, sodass er sich zurzeit schon mit einem guten Teleskop und einem kleinen Unterschlupf auf einem der Schuldächer zufrieden geben würde.
Für den engagierten Lehrer zählt Astronomie neben Biologie, Chemie und Physik gleichberechtigt als vierte Naturwissenschaft in der Schule. Schließlich könne es nicht schaden, eine fundierte Ausbildung auf diesem Fachgebiet zu haben.
"In vielen Bereich ist es später von Nutzen, nicht nur in der Raumfahrt." So forschen in den USA seit einigen Jahren Astro-Biologen, wie Leben in anderen Welten aussehen könnte.
Eine durchaus anerkannte Wissenschaft übrigens, die rein gar nichts mit einem übertriebenen Hang zu Science-Fiction-Filmen zu tun hat. dr
© Bergsträßer Anzeiger, 14.03.2008
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