Die Botschaft aus dem All

Weltraumtage - Astronaut in bildungspolitischer Mission am Schuldorf - Stirbt oder kommt das Schulfach Astronomie?


Vom Alltag im All hat Astronaut Reinhold Ewald im Schuldorf Bergstraße berichtet. FOTO: KARL-HEINZ BÄRTL

VON MICHAEL FRITZ


SEEHEIM-JUGENHEIM. Kommt der Weltraum in der Schule zu kurz? Ist ein Unterrichtsfach Astronomie, wie in der früheren DDR und noch heute in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg üblich, auch in Hessen nötig? Das Schuldorf Bergstraße, größte Schule im Kreis Darmstadt-Dieburg, beweist wieder einmal Weitblick. Mit den Ersten Bergsträßer Weltraumtagen, zu deren Eröffnung am Donnerstagabend der deutsche Astronaut Reinhold Ewald eigens eingeflogen wurde, will die Schule bis zum heutigen Samstag einigen Wirbel machen.

Ewald, der 1997 für 18 Tage auf der russischen Raumstation MIR arbeitete, ist als Fürsprecher eines Unterrichtsfachs Astronomie kaum zu übertreffen. Als "Flight Control Director" im Kontrollzentrum im bayerischen Oberpfaffenhofen organisiert er gerade den Betrieb des Labormoduls "Columbus", das vergangene Woche an die internationale Raumstation ISS angedockt ist. Die Öffentlichkeit wird noch viel von "Columbus" hören: es ist Europas erstes Labor für Langzeitforschung unter Weltraumbedingungen.

Die bildungspolitische Mission, die Ewald vor 200 Schülern, Eltern und Lehrern im Schuldorf hatte, ist dagegen ein Klacks und darf schon jetzt als gelungen bezeichnet werden. Wenn Ewald aus dem All erzählt, kleben die Zuhörer an seinen Lippen: Er hat die "urgewaltigen Kräfte", mit denen Raketen ins All schießen, am eigenen Körper erlebt. Standesgemäß für einen Physiker fühlte er sich vor elf Jahren "als Fleisch gewordene Gleichung". Wer im Weltraum am Computer tippt, schwebt durch den Rückstoß der Tasten einfach vom Gerät weg. Der Mensch bleibt bei aller Einschränkung aber ein Phänomen: "Wir leben im All ohne eiserne Lunge, die Verdauung funktioniert. Nur Knochen und Muskeln müssen wir ständig trainieren, damit sie in der Schwerelosigkeit nicht abbauen."

Ewald hat mit 40 Jahren auf seiner Umlaufbahn in 400 Kilometer Höhe gesehen, "wie das Land als Atlas unter mir hinwegzieht". Italien ist in drei Minuten vorbei. Und als "letzter Mensch zwischen Erde und Mond" in lebensfeindlicher Umgebung wird man wohl auch zwangsläufig zum Umweltschützer. "Ich bin ja kein Grüner und rede auch nicht für Robin Wood", sagt Ewald dem ECHO. Doch wie der Blaue Planet von seinen Bewohnern misshandelt wird, ist bedrückend. "Ich habe Hochachtung vor dem Mutter Raumschiff - es wird auf lange Zeit ohne Ersatz bleiben", sagt der Astronaut. Wo sollten Milliarden von Menschen auch sonst leben?

Der Traum, ein Astronaut zu werden, bleibt für fast alle ein Traum. Da muss Ewald die Jugend enttäuschen. "Es gibt keine reelle Chance für Euch", sagt er. Gleichwohl sei allein der Weg zum Traum "sehr lohnend" - über die Physik, Biologie und Medizin.

An dieser Stelle kommt wieder das Schulfach Astronomie ins Spiel. Die "Deutsche Gesellschaft für Schulastronomie" (DGSA), die die Weltraumtage nach einer Idee des Seeheimer Lions-Clubs veranstaltet, glaubt fest an den Sinn eines solchen Fachs. "Bisher lernen die Kinder in der fünften Klasse ein bisschen Sonnensystem, zwischendurch kommen Ebbe und Flut dran, vielmehr ist nicht", sagt DGSA-Sprecher Christian Wolff. Astronomie als "älteste Wissenschaft überhaupt" verdiene aber eine Verankerung im Lehrplan. Dass Sachsen die Astronomie gerade gestrichen hat, ist für Wolff "ein negativer Westimport".

Auch in Sachsen-Anhalt gibt es wohl Diskussionen um die Astronomie in der Schule. "Aber wir denken nicht an eine Streichung", sagte gestern der Pressesprecher im Magdeburger Kultusministerium, Jens Artefuhr, gegenüber dieser Zeitung. "In der DDR war es ein Ein-Stundenfach in der zehnten Klasse", so Artefuhr. Der Minister denke derzeit darüber nach, ob die Astronomie auf ein Halbjahr konzentriert, dann aber zweistündig erteilt werde. Die Neuerung käme einer Aufwertung gleich, denn Einstundenfächer werden oft an den Rand gedrückt - "so wie die Englischstunde in der DDR, zu der wir Nachmittags um Halbvier einmal anrücken mussten, um sie abzusitzen".

Astronomie hat mehr verdient, findet Schuldorfleiter Ronald Seffrin. "In Südhessen sitzen die Weltraumbehörde ESA, die Wettersatellitenorganisation Eumetsat, Fraunhofer und GSI." Seffrin sieht einen "Auftrag an die Schule, das Thema stärker in den Blick zu nehmen". Und er träumt: Er will zwar nicht mehr Astronaut werden, aber eine Sternwarte an seiner Schule - das wäre was.

     WELTALL AM SAMSTAG

    14 Uhr Öffentliche Tagung der Deutschen Gesellschaft für Schulastronomie, ab 17 Uhr Fachvorträge, nach 20 Uhr Starparty.

© Darmstädter Echo, 23.02.2008