Literaturwerkstatt 2015

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Ein Mädchen

Sie schaute nach oben, zwischen den Ästen lugte die Sonne durch die Blätter. Lynn staunte. Sie war der Baumkrone und damit der Sonne so nah. Das Sonnenlicht warf Muster auf die Äste neben ihr. Ein leichter Wind ließ die Blätter rascheln. Durch die Bewegung der Blätter schienen die Lichtkegel auf den Ästen zu tanzen. Lynn strahlte vor Stolz. Zwar hatte sie lange gebraucht, um auf den Baum zu klettern, letztendlich hatte sie es aber geschafft. Selbstzufrieden lehnte sie sich an den Baumstamm. Er drückte fest und ungewohnt in ihren Rücken, doch es gab ihr das Gefühl, mit dem Baum verbunden zu sein. Sie fing an zu summen.

Eine Weile betrachtete Lynn ihre Umgebung. Ein Vogel zwitscherte neben ihrem linken Ohr, in der Ferne waren noch mehr Vögel zu hören. Sie entdeckte eine Ameise, die verzweifelt und taumelnd versuchte, einen viel zu großen Brotkrümel zu transportieren. Lynn kicherte.

Da hörte sie ihre Mutter rufen: „Lynn, kommst du? Es gibt Essen!“ – „Ja, Mami, ich komme gleich!“, antwortete Lynn in Richtung ihres Hauses, das gleich nebenan war. Ich war wohl ziemlich lange hier oben, dachte sie, und begann hinunter zu klettern. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, wie hoch sie geklettert war. Die ersten Äste waren einfach, doch plötzlich sah sie keinen Ast mehr unter sich, den sie erreichen konnte. Hektisch sah sie sich um. Da musste doch irgendwo ein Ast sein! Aber da war keiner. Je länger sie nach unten schaute, desto weiter weg schien der Boden zu sein. Ängstlich blickte sie nach unten und dann durch die Äste zu ihrem Haus. Ihr Blick blieb an ihrer Mutter hängen, die angelaufen kam.

„Lynn, komm doch endlich vom Baum runter, das Essen wird kalt!“

-          „Ich kann nicht Mami, da ist kein Ast!“

Inzwischen neben dem Baum angekommen, sagte ihre Mutter: „Dann musst du springen, mein Schatz. Du schaffst das, sei ein starkes Mädchen.“

-          „Aber ich kann nicht, es ist so hoch!“. Sie schrie fast und Tränen liefen über ihre Wangen. Der Boden erschien ihr Kilometerweit weg.

-          „Du musst da alleine runterkommen, Lynn!“

Lynn schluchzte. Ich muss springen, dachte sie. Ich muss ein starkes Mädchen sein. Doch ihr wurde inzwischen schon schwindelig, wenn sie auch nur nach unten sah. Der Ast, auf dem sie saß, schnitt in ihr Fleisch. Es tat weh. Der Wind war noch da, doch jetzt ließ er sie frösteln. Die Sonne war hinter einer Wolke verschwunden.

Ich kann es nicht, dachte Lynn. Es ist so hoch, ich kann nicht… Aber ich muss ein starkes Mädchen sein. Ich bin ein starkes Mädchen. Das sagte sie sich. Immer wieder. Ich bin ein starkes Mädchen. Die Tränen versiegten. Sie schaute hinunter. Ich bin ein starkes Mädchen. Sie schloss die Augen, lehnte sich nach vorne und sprang.

Bianca Helbach (Q2)

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